Pressebericht in "Der Patriot", Lippstadt, 4.11.2011

Ein Krokodil mit Swing

Jazzclub LippstadtLIPPSTADT - Kapitalismus und Kommunismus, Markt- und Planwirtschaft, NATO und Warschauer Pakt. Auf den ersten Blick konnten die Welten vor und hinter dem damaligen Eisernen Vorhang unterschiedlicher nicht sein. Dass jedoch auch die Sowjetunion ihre Marlene Dietrich und ihren Friedrich Holländer hatte, bewies am Donnerstagabend das Juri Artamonov Trio. Auf Einladung des Jazzclubs Lippstadt spielten sie in der Werkstatt die Musik der alten Revuefilme des Ostens - allerdings in einer swingenden Version.
Den Anfang macht ein sowjetischer Charleston aus dem Jahr 1935 mit dem Titel „Erfolglose Begegnung“. Juri Artamonov am Klavier, Martin Gehrmann am Kontrabass und Oliver Struck am Schlagzeug zeigen schon zu Beginn vollen Körpereinsatz. Während Gehrmann beherzt in die Saiten greift, klopft der Namensgeber des Trios den Takt mit seinem Fuß energisch mit. Struck, der übrigens kurzfristig für den verhinderten Drummer Jochen Metze eingesprungen ist, spielt das Programm zum ersten Mal. Man merkt es ihm nicht an.
Gemeinsam erfüllen die Musiker den Slapstick-Charleston mit Leben. Der Zuhörer fühlt sich in die Welt der Stummfilme nach dem Vorbild von Laurel und Hardy versetzt, in der sowohl die Bilder, als auch die Musik immer ein kleines bisschen zu schnell abzulaufen scheinen.
Durch das Programm, das an die aktuelle CD des Trios „Moskauer Fenster“ angelehnt ist, führt Martin Gehrmann. Als nächstes Stück kündigt er einen Filmschlager aus dem Jahr 1940 an. „Liebe soll man nicht rufen“, heißt er, startet ruhig und melancholisch und wird gegen Ende immer swingender. „Auch in der Sowjetunion gab es Kitsch“, erklärt der Bassist.
Ähnlich wie im Westen gab es während des Zweiten Weltkriegs auch in der Sowjetunion Propagandafilme, die Trost an der Heimatfront spenden sollten. Eines der Stücke daraus ist „Alles umher ist blau und grün“. Es stammt aus dem Film „Die Herzen der Vier“. Als Rumba gespielt, erinnert es an Sommerfrische, an einen entspannten Tag am See. Selbstverständlich darf auch hier der Einschlag des Swing nicht fehlen.
Die russische Seele kommt beim Volkslied „Ich habe mich betrunken“ zum Vorschein. Das Lied erzählt die Geschichte eines Mädchens, das im Liebeskummer Trost im Alkohol sucht. Schwer wie die Zunge eines Betrunkenen und voll von Melancholie kommt es daher.
Für mehr Fröhlichkeit sorgt das „Urmel aus dem Eis des Ostens“, wie es Martin Gehrmann beschreibt. In der Sowjetunion hieß es allerdings Gena und war ein Krokodil, „das im Zoo angestellt war“, erklärt Artamonov die bisweilen etwas eigenwillige sowjetische Logik. Dass das Reptil richtig swingen kann, steht jedoch außer Frage.
Der sowjetischen Logik ist es wohl auch zu verdanken, dass das dortige Sandmännchen die Kinder erst um Viertel vor neun ins Bett schickte. Noch etwas später spielt das Juri Artamonov Trio die Titelmelodie „Gute Nacht, ihr Kinder“. Allerdings geleitet es die Zuhörer nicht sanft in den Schlaf, sondern bewirkt eher das Gegenteil und macht Lust auf mehr Jazz.
Auch wenn für diejenigen, die im Westen aufgewachsen sind, der Wiedererkennungswert bei den Musikstücken manchmal fehlt, sorgen die Jazzmusiker für eine kurzweilige Reise in die damalige Sowjetunion. Gekrönt wird diese durch die Zugabe „Jolotschka - das Lied vom kleinen Tannenbäumchen“. Es beginnt wie leise rieselnde Flocken und endet in einem swingenden Schneesturm.
- diet

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